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Suizidale Krise
(1. Teil)
Erscheinungsbild und Hypothesenbildung
Die
suizidale Krise entsteht in der
Regel aus einem äußeren Konflikt, der innerseelisch eine starke Erschütterung
mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit auslöst. Diese Ausweglosigkeit ist verbunden
mit dem Wunsch nach Selbstschädigung bis Selbstzerstörung - als einzigen Weg
diese Krise zu überwinden und „Ruhe zu finden“.
Die suizidale Krise besteht aus einem
Die suizidale Krise ist damit die
einseitige, resignative und destruktive Reaktion auf eine äußere, z. T. selbst
herbei geführte Krisensituation. Entscheidend ist nicht die Tatsache einer
Krise, sondern die Form der Krisenbewältigung: der suizidale Mensch kann nicht
aktiv und konstruktiv handeln, um die Krise abzuwenden. Er kann auch nicht
jemanden bitten, ihm zu helfen. In der suizidale n Krise erlebt dieser Mensch die
Krisensituation als eine schicksalshafte Kränkung und Benachteiligung und als
Beweis der Sinnlosigkeit seines Lebens. In einer Verkennung und Umkehrung der
Beziehungsrealität ist er gekränkt, dass gerade ihm so etwas passieren muss -
ein Verlassenwerden, ein Bankrott, ein Versagen in einer Prüfung.
Die suizidale Krise ist für ihn nicht der Anfang einer Wende, sondern der Anfang
vom Ende. Sie ist nicht der Anstoß seine illusionäre Lebenserwartung der
Realität anzupassen, sondern sich durch Selbstmord aus dem Konflikt heraus zu
ziehen. Auf dem Höhepunkt der Krise zieht er sich völlig zurück und wird für
aktive Außenhilfe nahezu unerreichbar.
Suizidale Krise: Die „normale“ Krise
Die suizidale Krise ist in der Regel kaum ein Problem der realen
Schicksalsbelastung. Im Gegenteil, Menschen werden durch Schicksalsschläge wie
z. B. im Krieg mit Verlust von Angehörigen, mit Verlust von Hab und Gut,
Bedrohung, Vergewaltigung oder Vertreibung, zu ungewöhnlichen Höchstleistungen
angespornt, die ihnen sonst kaum möglich wären.
Schicksalshafte reale Krisen fordern den
„gesunden Menschen“ heraus. Die Krise - übersetzt: Umschlagspunkt - wird damit
zur Lebenswende. Und am Ende ist das erreichte Ergebnis sogar oft besser, als
die Situation zuvor, wie z. B. der Wiederaufbau eines zerstörten Landes nach dem
Krieg, mit neuen wirtschaftlichen Perspektiven. Die Krise ist sogar im Leben
eines Menschen eine berechtigte Herausforderung und Realitätskorrektur. Die
Realanforderung, etwa durch die Trennung und das Verlassenwerden von einem
Partner zwingt, vom bisherigen sozialen „Dornröschenschlaf“ aufzuwachen und alle
Ressourcen zu mobilisieren für eine bessere und realitätsgerechtere
Lebensperspektive.
Die suizidale Krise als
innerseelisches Problem
Die suizidale Krise beginnt bei einem Umschlag von konstruktiver Aktivität
in destruktive Resignation. Sie ist weitgehend unabhängig von der Kausalität der
Außenereignisse.
Die Suizidalität, die geplante Selbstzerstörung, ist damit ein fast
ausschließlich innerseelisches Problem. In einigen Anteilen ist diese Reaktion
sogar ein seelisches Arrangement, denn Krisenbewältigung führt in der Regel zu
aktiv konstruktiven Gegenmaßnahmen. Damit ist die Suizidalität Ausdruck einer
speziellen, innerseelischen Konfliktverarbeitungsstörung.
Suizidale Krise: Hypothese der Entstehung einer
innerseelischen spezifischen Konfliktverarbeitungsstörung
Wie kann sich eine suizidale Krise mit destruktiver Resignation bis Suizid
mit tödlicher Selbstbestrafung als innerseelisches Problem entwickeln?
In solchen Lebensgeschichten findet man schon in der frühen Kindheit und damit
der prägenden Sozialisationsphase nicht selten eine bezeichnende,
widersprüchliche Eltern-Kind-Beziehungskonstellation.
-
Dieser Mensch ist als Kind, so wie er ist, meist nicht
gewollt. Das Mädchen sollte z.B. ein Junge sein, oder aus sozialer Not der
Eltern ist kein Kind mehr erwünscht. Der für diese Eltern meist unbewusste
Prozess der Ablehnung führt in der Regel zu einer Gegenmaßnahme im realen
Verhalten. Die existenzielle Ablehnung führt oft zu einer kompensatorischen
materiellen Verwöhnung aus „schlechtem Gewissen“ oder als „Wiedergutmachung“.
Daraus entwickelt sich u. a. eine Passivität des Kindes mit Erwartungshaltung
für materielle Versorgungsansprüche, die wegen ihres Kompensationscharakters
die üblichen Versorgungsangebote von Eltern übersteigt.
-
Weil das „Sein“ nicht genügend geschätzt wird,
bekommt der „Schein“ und die Selbstdarstellung eine größere Bedeutung. Tief im
Inneren fühlt sich der Mensch minderwertig und kompensiert dies mit einem
überhöhten Ich-Ideal. Sein Realbild kann jedoch gegenüber diesem Idealbild
nicht Stand halten. Der Mensch versucht eine „als-ob-Lösung“ in seinem
Erscheinungsbild im Sinne einer narzisstischen Neurose. Jede
Realitätskonfrontation offenbart jedoch den eigentlichen Größenmangel, die
Diskrepanz zwischen Selbst-Ideal und Realität und wird dadurch zu einer
potenziellen Infragestellung und Kränkung.
So entsteht aus dem Nein zur Existenz
und der kompensatorischen materiellen Verwöhnung ein passiver
Versorgungsanspruch und eine narzisstische Selbstüberhöhung. Eine soziale
Ablehnung wie bei einer Partnertrennung erlebt dieser Mensch dann:
-
als Wiederauflage seiner
existenziellen Ablehnung
-
als Ablehnung seiner
Versorgungserwartung und
-
als Infragestellung seiner
kompensatorischen Grandiosität und damit als persönliche Kränkung.
Er versucht
zunächst:
-
den Anderen abzulehnen und damit die Verletzung ungeschehen
zu machen oder als unwichtig darzustellen,
-
parasitäre Versorgungsansprüche zu stellen, bis zur
Frühberentung durch den „Vater Staat“,
-
den Anderen zu entwerten und schlecht zu machen, um dadurch
die relative eigene Überlegenheit zu steigern.
Gelingt diese Strategie nicht, dann
bricht diese Abwehrstrategie zusammen und führt zu einer suizidale
n Krise und
Handlung, als Fremdbestrafung durch Selbstbestrafung mit:
-
Ablehnung von sich selbst als Partner des Anderen,
-
mit Versorgungsverweigerung in der Selbstzerstörung,
-
mit dem Erhalt der Grandiosität durch Tod wie bei dem -
Titanic-Syndrom, bei dem der Kapitän - der nach Fehleinschätzungen der realen
Eisberggefahr und damit auch einer Selbstüberschätzung mit seinem Riesenschiff
unterging, um die Kapitänsehre zu wahren.
Suizidale Krise: Suizidalität und Sucht
Die Sucht mit Tabletten, Alkohol oder Drogen ist ebenfalls ein Selbstmord
auf Raten. Diese Suizidalität unterscheidet sich von der hier beschriebenen
durch ihren primären Lustcharakter, der Wahl des Suizidmittels z. B. Alkohol und
dem geringeren Anteil an primärer und direkter Destruktivität. Die Sucht ist
über das Suchtmittel dosierbar. Ihr liegt aber ebenfalls eine tiefere
Konfliktvermeidungsstrategie und Realitätsstörung zugrunde. Das Ergebnis ist wie
in der suizidale
n Krise das Gleiche: die Sucht endet ebenfalls in ausgeprägten
Fällen tödlich.
Zu den einzelnen Schritten in die
suizidale Krise und zur Therapie siehe den Artikel:
„Schritte der Destruktivität und ihre Therapiemöglichkeit“ (suizidale Krise
Teil 2)
Dr. Paul Bernhard

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Aktualisiert:
Juli 2010
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